zwischendrin / filmtipp "drachinzeit – von wurzeln und flügeln"

15/12/2017

 

 

Leben bedeutet Wandel. Manchmal biologisch, manchmal gesellschaftlich bedingt, manchmal aus eigenem Antrieb heraus. Dabei gibt es Etappen, denen alle drei Vorraussetzungen gleichermaßen als Antrieb zugrunde liegen – oder besser zugrunde liegen sollten! Eine dieser Etappen im Leben einer Frau beschäftigt mich derzeit persönlich besonders: Der Übergang ins Muttersein. Dieser Schritt hat mir in den vergangenen Monaten einmal mehr gezeigt, wo ich als Frau eigentlich stehe und wie relevant bestimmte Fragen, die ich mit der Pubertät längst hinter mir gelassen zu haben schien, noch immer sind. Vor allem Dinge, die auf dem Weg bis hierher unausgesprochen geblieben sind. 

 

Als ich mit 31 Mutter geworden bin, kam plötzlich auch die Frage auf, ob ich wirklich dafür bereit bin? Bin ich wirklich schon Frau genug um Mutterzusein? Oder ist da nicht doch noch auch das Mädchen präsent, das lieber weiterhin an allem alten festhalten und  unbeschwert in den Tag hineinleben will. Mit 31 Jahren hatte ich dennoch plötzlich das Gefühl mich schmerzlich von etwas verabschieden und trennen zu müssen, wofür ich in manchen Situationen noch nicht bereit schien. Das empfand ich zugegebenermaßen als äußerst befremdlich.

 

Heute weiss ich: Ein Stück weit hatte das auch damit zu tun, dass ich bereits dem Übergang vom Mädchen- zum Frausein nie ausreichend Beachtung geschenkt habe. Vielleicht habe ich mich biologisch und gesellschaftlich bedingt damals zwar in die Rolle gefügt, nicht aber aus eigenem Antrieb heraus, der emotionale Teil meines Ichs blieb zwischen Abitur, Auslandserfahrungen, Uni und dem ersten großen Herzschmerz irgendwo auf der Strecke. 

 

 

In der letzten Zeit wird mir immer bewusster, wie sehr Rituale fernab von Kommunion, Jugendweihe, Abiball oder Babyshower dabei helfen könnten, weiterzukommen im Leben und an neuen Aufgaben zu wachsen, anstatt an ihnen zu zerbrechen. Unsere etablierten Festlichkeiten sind alle darauf ausgelegt, sich zu beweisen und eine neue Stellung zu manifestieren – und dafür werden wir im Gegenzug beschenkt. Dabei haben wir verlernt auch den schmerzlichen Teil dieses Prozess' zu zelebrieren – denn jeder Neuanfang geht mit einem Abschied einher und dem wird in jeglicher Hinsicht zu wenig Platz und Bedeutung eingeräumt. Der Schritt in eine neue Lebensphase bedeutet immer etwas aufzugeben, sich zu opfern, zu trauern. feste, die diesen Part in den Mittelpunkt rücken und auf das Innen ausgerichtet sind, müssten wir nicht einmal neu erfinden – sie sind längst da. Geschrieben von unseren Urahnen, die diese Form der Übergänge in neue Lebensphasen im Einklang mit der Natur bereits zu begehen wussten. Und doch verlieren wir gerade zu diesen immer mehr den Bezug – nicht nur in den Großstädten. Diese Naturentfremdung wird aktuell als „nature deficit disorder“ diskutiert und findet immer mehr Gehör.

 

Alle gesellschaftlich etablierten "Initiationsriten" (und ich tue mich wahrlich schwer die Konfirmation oder die Jugendweihe als solche zu verstehen – sie sind es aber nunmal seit vielen Jahrzehnten, die diesen Übergang markieren) lassen einen wichtigen Part dabei aus: die Sexualität – und das fällt Jungs wie Mädchen irgendwann im Leben auf die Füsse, davon bin ich überzeugt. Es fehlt eine natürliche, offene Herangehensweise an dieses Thema, bei dem die Familie oft nur versagen kann. Denn wann ist das eigene Kind, das gefühlt gestern noch in der Wiege lag, bereit dafür? Während es die Heranwachsenden für sich selbst oft nicht beim Namen nennen können, fällt das dem engsten Umfeld nur noch schwerer. Manchmal braucht es dann – wie so oft – den Blick von Außen. Etwas, das wir uns in einer Zeit, in der Privatsphäre groß geschrieben wird, allzu oft verwehren.   

 

Dem setzt ein außergewöhnliches Team aus Potsdam ein ungewöhnliches Projekt entgegen: Die seit 15 Jahren existierende Drachinzeit der Lebensschule Potsdam ist ein Angebot an pubertierende Mädchen, sich innerhalb eines halben Jahres in einer Gruppe Gleichaltriger bewusst von der Kindheit zu verabschieden. Die Fotografin, Filmemacherin und Künstlerin Sil Egger hat jetzt eine dieser Gruppen auf ihrem Weg mit der Kamera begleitet und ein berührendes Zeugnis dafür geschaffen, was für ein kostbarer Schatz diese Zeit für Mädchen und heranwachsende Frauen sein kann. Der Zuschauer kann nur erahnen, was jede der Protagonistinnen für sich davon mitnimmt und wie ihr weiterer Lebensweg aussehen wird – fest steht aber, dass allen eine unbezahlbare Begegnung mit sich selbst bleibt – die Fähigkeit in sich zu gehen und auf die eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu hören, sich den tiefsten, eigenen Ängsten und den Schattenseiten des Lebens zu stellen, um darin immer wieder eine neue Chance zu erkennen, zu wachsen und zu sein und zu werden. Denn dieser Prozess hält ein Leben lang an – wenn dafür in einer Zeit wie der Pubertät, geprägt von Aufbruchstimmung, innerer Unruhe und soviel aufkeimenden Möglichkeiten, bereits der Grundstein gelegt würde, wäre diese Gesellschaft eine bewusstere, dem bin ich mir sicher.

 

Um ehrlich zu sein: I never mind a good Party (who does?) und will etablierte Formen des Übergangs nicht grundlegend in Frage stellen – und doch plädiere ich dafür, zusätzlich eine gesetzlich vorgeschriebene Drachinzeit einzuführen!

 

Wer mehr über den Film und das Projekt erfahren will, ist diesen Sonntag, den 17.12.17 herzlich eingeladen, das im Top Kino in Wien zu tun. Allen anderen sei die DVD oder die einmalige Ausleihe via Vimeo ans Herz gelegt – der Film ist wirklich sehenswert.

 

 

 

 

 

 

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