begegnungen / christa und die liebe

6/4/2016

 

 

Christa ist 69 Jahre alt, ein stolze Frau. Zumindest scheint es, als sei sie es einmal gewesen. Sie begegnet mir an einem viel zu kalten, verregneten Abend im Mai. Ich bin wie so oft nur auf dem Sprung in den Supermarkt, um schnell noch etwas zum Abendessen zu besorgen. Gerade als ich nach der favorisierten Packung gnocchi im Kühlregal greife, steht sie vor mir. Etwa 1,60 Meter gross, adrett und doch heruntergekommen gekleidet, schimpft sie auf ihren Mann, den Dickkopf, der nie mit ihr hier her gehe, weil es zu weit weg von zu Hause und ausserdem viel zu teuer sei. 

Sie schaut mich an und greift nach meinem Arm - “Wissen Sie, wie lange ich nicht im Urlaub war? Über zehn Jahre, und das nur, weil er so ein Geizhals ist. Dabei möchte ich mir doch auch mal etwas gönnen. Hier sieht alles so schön bunt und ordentlich sortiert aus, vorallem das Obst. Überhaupt essen wir viel zu wenig Obst. Ich muss mehr Obst essen. Er auch. Und Sie, sie müssen auch mehr Obst essen”. Sie hält noch immer meinen Arm, als wolle sie sich an mir fest halten und ihren belehrenden Worten mit dieser intimen Geste Nachdruck verleihen 

Ich beschliesse zu bleiben und mich auf das Gespräch einzulassen. Obwohl ich keine Zeit habe, auch wie so oft. Aber es scheint, als habe Christa schon lange niemand mehr zugehört. Schnell erfahre ich mehr, über diese etwas nervöse, faszinierende noch immer gut aussehende, aber vom Leben gezeichnete Frau. Im Ministerium der ehemaligen DDR habe sie gearbeitet, mit 19 Jahren kam sie aus der Nähe von Dresden (wie ich) nach Berlin, da wusste sie noch nicht viel vom Sozialismus und von Politik. Das habe sie dann alles erst gelernt. An der Max liebermann Stiftung hat man ihr zuletzt eine Anstellung gegeben. Wie zum Beweis und als ob ich ihr nicht glauben würde, zeigt sie mir immer wieder einen in die Jahre gekommenen, längst abgelaufenen mitgliedausweis, der ihr bis heute uneingeschränkten Zugang zum Max Liebermann Haus verschaffe. 

Ja, damals - da ist sie auch noch viel gereist, selbst als sie mit ihrem Torsten schwanger war. Meistens mit dem Nachtzug. Ob sie da manchmal Angst gehabt habe? Nein, nie! Sie konnte sich schon früh durchsetzen, gegen die Männer. Und sie sei begehrt gewesen - “So schlank wie Sie, war ich. Jetzt esse ich zu gerne Kuchen. Bringt ja auch alles nichts mehr, für wen soll ich denn noch gut aussehen?”. Für ihren Mann jedenfalls nicht, für den findet sie abwechselnd gleichermaßen nur enttäuschende und versöhnliche Worte. Auf einer Wellenlänge seien sie aber trotzdem immer gewesen, doch. Zumindest haben sie beide immer viel gelesen. Und die Musik, Musik war immer wichtig. Sie habe ein Klavier, auf dem ihr Mann noch jeden Tag spielt. Wenn er das nicht tut, hört er CDs. “Ein ganzes Zimmer voller CDs hat er - finden sie das nicht übertrieben? Von Glenn Miller und all diesen Leuten. Ich höre das auch gerne, aber eigentlich interessiere ich mich mehr für Kunst. Käthe Kollwitz zum Beispiel. Ist ihnen die ein Begriff?” Sie vergwewissert sich immer wieder, ob ich noch zuhöre während sie nervös in ihren akribisch gelegten, blondierten Haaren zupft. Mehrmals befürchte ich, sie könne mir dabei jeden Moment in Tränen ausbrechen. Ihre Stimme ist weinerlich. 

Sie wirkt traurig und allein. Über eine Stunde ist seitdem vergangen und ich bringe es nicht übers Herz mich loszureissen. Dabei erzähle ich kaum etwas über mich, höre einfach nur zu und lächle und nicke ihr ab und an aufmunternd zu. Jeder zweite Satz beginnt mit dem Wörtchen “früher”. Christa lebt in der Vergangenheit. Mit der Zukunft könne sie wenig anfangen. Dieser Kapitalismus, überall Touristen und dann diese vielen Bilder von Krieg in den Nachrichten. Das halte sie nicht mehr aus. Jedes Mal nehme Sie zur Beruhigung dann eine Tablette. “Sie müssen entschuldigen, wenn ich gerade etwas verwirrt bin, ich habe auch heute wieder eine genommen. Das ist auch nicht gut, ich weiss. Aber wie soll man das sonst alles ertragen?”. 

Wenn sie von ihrer Kindheit erzählt, spricht sie immer wieder von Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Wie bei meiner Oma will ihr der neue Name einfach nicht in den Kopf. Warum auch, der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Überhaupt passe Chemnitz ja gar nicht zu Karl-Marx-Stadt. Ihre Geschichten sind so zusammenhangslos, wie aufrichtig. Ein Schnelldurchlauf ihres Lebens. In ihren Augen blitzt hin und wieder der Glanz und Enthusiasmus vergangener Zeiten auf. Ich bin mir sicher, sie war eine wunderschöne, elegante Frau.“Wissen Sie, früher habe ich mich auch geschminkt, so wie Sie. Im KaDeWe habe ich mir von meinen 700,- DM Sekretärinnengehalt meinen ersten französischen Lippenstift gekauft, und getönte Tagescreme für 60,- DM - haben Sie eine Vorstellung wie viel Geld das war? Heute geben wir das Geld für andere Sachen aus. Unseren Garten zum Beispiel. Der hat ja auch 3000 Quadratmeter. Das kostet. Aber der Torsten unterstützt uns, wo er nur kann. Das ist ein guter Junge. Wenn er doch nur bald auch eine Frau finden würde.” Nach einer weiteren halben Stunde weiss ich alles über sie, bis auf ihren Namen. Als ich sie danach frage, reicht sie mir förmlich die Hand und stellt sich vor: Sigmund, Christa Sigmund! Irgendwann, nach noch mehr Geschichten über all die Bücher, die sie in ihrem Leben gelesen, die Theaterstücke, die sie besucht, die Feste, auf denen sie getanzt und die vielen französischen Hosenanzüge, die sie besessen habe, verabschiedet sie sich. Wieder bittet sie um Entschuldigung, heute so durcheinander zu sein, aber sie war schon so lange nicht mehr bei der Maniküre. Da bekomme sie immer ganz schlechte Laune. 

Sie drückt mir noch einmal lange die Hand und gibt mir einen letzten Rat: “Lesen sie viel und grüssen Sie mir Dresden, wenn sie das nächste mal da sind. Und vergessen Sie nie: Suchen sie sich einen Mann, der ihr Vebündeter ist, in guten wie in schlechten Zeiten. Einen, mit dem es hier passt (und dabei tippt sie sich mit dem Zeigefinger demonstrativ an den Kopf).” Mit diesen Worten wendet sie sich ab und greift im Gehen nach dem Handy in ihrer Tasche, um ihren Mann anzurufen. “Ich komme jetzt nach Hause,” sagt sie und so schnell, wie sie gekommen ist, verschwindet sie in der abendlichen Dämmerung durch die elektronisch gesteuerte Supermarkttür. Ich bleibe allein zurück und irre noch eine viertel Stunde ziellos durch die endlosen Gänge und Regale, bevor ich mich ohne etwas zu kaufen auf dem Heimweg mache.

 

Please reload

des dezembers feste / wintersonnenwende, yule, rauhnächte, weihnachten & neujahr

21/12/2018

muttermilchschmuck von ATELIER MIAH / momente für die ewigkeit

17/10/2018

die backpacks von WAYKS / wegweiser in sachen nachhaltigkeit & transparenz

05/09/2018

1/10
Please reload

RSS Feed

Nuancen Journal ist ein persönliches Onlinemagazin, das sich für

einen achtsamen und ganzheitlichen Lebensstil einsetzt, das umdenkt

und beweist, dass Luxus nicht gleich Verschwendung bedeuten muss!